Streiten lernen für Paare

Beim Streiten ist es wie mit allen Dingen im Leben: In Maßen und kontrolliert kann es reinigend sein. Lernen Sie, wie Sie schöner streiten können - aus meiner Praxis als Paartherapeutin in München.

Wenn wir einen Menschen mit einem Anliegen erreichen wollen, dann bedeutet das, dass diese Person uns wichtig ist. Wir wünschen uns von ihr verstanden und akzeptiert zu werden. Gerade weil wir den Menschen so lieben, sehnen wir uns danach, dass wir übereinstimmen. Dies verbindet und wir fühlen uns geliebt. Das nennt sich Streiten auf der Beziehungsebene. Wir verbinden ein oberflächliches Thema („Kommst Du pünktlich zu unserem Treffen?“) mit unserem Wert für diesen Menschen. Bin ich ihm so wichtig, dass er auf mich und meine Bedürfnisse (Pünktlichkeit) Rücksicht nimmt?

Man kann auch erbittert um Sachthemen streiten. Oft ist es aber so, dass es um mehr geht als nur um die nicht-ausgeräumte Spülmaschine. Weil, wenn der eine weiß, wie wichtig etwas dem Partner ist und es trotzdem nicht tut, interpretieren wir das sofort auf der Beziehungsebene.

 Wenn es mit dem Streiten losgeht, dann hat jedes Paar sein eigenes Muster. In der Regel wiederholt sich diese Dynamik:

1.Vorwurf-Vorwurf Eine Person wirft der anderen Person etwas vor. Diese erwidert den Vorwurf mit einer Gegenattacke

 2.Vorwurf-Rechtfertigun
g
Auf den Vorwurf reagiert die andere Person, indem sie ihr Verhalten rechtfertigt und rückt nicht von ihrem Standpunkt ab

3.Vorwurf-Rückzug (Schweigen)
Die angegriffene Person zieht sich zurück. Sie schweigt und/oder verlässt die Situation

Diese Streit-Muster drehen sich im Kreis. Je mehr Vorwürfe, desto mehr Gegen-Vorwürfe – oder je intensiver die Attacken, desto mehr weicht die eine Person zurück. Sie sind Ursache und Wirkungs-Kreisläufe. Zum Beispiel: Die Frau schimpft, weil der Mann in die Kneipe geht. Der Mann geht in die Kneipe, weil die Frau schimpft. Je mehr die Frau schimpft, desto mehr zieht es den Mann in die Kneipe. Es gilt diese Streit-Schleifen zu durchbrechen. Denn einmal ehrlich: Wie oft haben Sie schon versucht, auf die immer gleiche Weise ihr Problem zu lösen? „Die Definition von Wahnsinn ist: immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten“, sagte schon Albert Einstein. Also, es gilt etwas anders zu machen, etwas Neues auszuprobieren. 

Wie kann man entspannter streiten?

  1. Satt und ausgeruht

Achten Sie darauf, dass Ihre Grundbedürfnisse gestillt sind. Wenn man hungrig ist, ist man ungeduldiger und launischer. Auch Hitze bringt das Gemüt aus der Balance. Stress und Erschöpfung sind auch keine guten Streitbegleiter. Seien Sie sich bewusst, dass diese Faktoren ihr Verhalten beeinflussen - und sprechen Sie aus, wenn Sie auf Grund solcher Umstände eine kurze Zündschnur haben. 

2. Selbstkritisch sein

Was den einen vor Wut schäumen lässt, ist für einen anderen noch kein Problem. Starke

Gefühle entstehen da, wo der Mensch besonders berührt ist: auf Grund von vorherigen Erfahrungen, Erlebnissen und Glaubenssätzen. Jeder hat seinen wunden Punkt. Erwischt der Partner diesen, reagieren wir nicht mehr der Situation angemessen und überlegt. Unser Autopilot übernimmt und verteidigt uns in einer Intensität, die weniger mit dem Problem zu tun hat, als mit unserer Geschichte. Wurde ich zum Beispiel als Kind immer übergangen, reagiere ich heute sehr sensibel, wenn meine Bedürfnisse verletzt werden. Einfache Unachtsamkeiten meines Partners lösen Schimpf-Tiraden in mir aus. Hat man dies erkannt, kann man daran arbeiten – und den Partner ins Boot holen, um gemeinsam das Muster zu durchbrechen.

3. Lieber direkt ansprechen

Probleme, Gedanken und Gefühle zu verdrängen, ist eine tückische Strategie. Gefühle sind wie ein Wasserball. Sie lassen sich eine Weile unter Wasser drücken, aber irgendwann ploppen sie umso intensiver an die Oberfläche. Ärger immer runterzuschlucken, um die Stimmung nicht zu verderben oder weil man sich unsicher ist, ob das nun der richtige

Moment ist, kann den Weg zum ultimativ emotionalen Streit bahnen. Seien Sie achtsam mit Ihren Bedürfnissen und übergehen Sie sie nicht zu schnell. Lieber direkt ansprechen, dann beugen Sie dem innerlichen Tsunami vor. So können Sie ein Gespräch mit leichtem Ärger führen und sind noch in der Lage es inhaltlich konstruktiv zu steuern anstatt vor Wut zu explodieren.

4. Mitfühlen

Unsere eigenen Gefühle überdecken manchmal alles, auch die Gefühle des Partners. Wenn wir uns ärgern, denken wir nur an uns. Es kann hilfreich sein, sich in den Partner hinein zu versetzen. Oft werten wir etwas als Angriff und nehmen es persönlich. Wenn wir uns überlegen, warum der andere so gehandelt haben könnte, können wir erkennen: Er hat es nicht gegen uns, sondern für sich gemacht. Weil er es so gelernt hat, weil er es eilig hatte, weil es seiner Persönlichkeit entspricht, weil es aus seiner Perspektive eine logische Handlung war etc. Dies kann uns milder stimmen und einem heftigen Streit vorbeugen.

5. Sich etwas wünschen

Der Ton und die Art und Weise, wie man etwas vorträgt, bewirken eine Menge. Wir klagen schnell an und schimpfen über das Verhalten des anderen. Jeder Vorwurf ist ein verunglückter Wunsch. Dahinter verbirgt sich ein unerfülltes Bedürfnis. Merken Sie sich folgendes ABC, um sich auszudrücken: A ist das, was Sie beobachten, B ist das, wie es auf Sie wirkt, C welche Gefühle es bei Ihnen auslöst. Ein Beispiel: „Wenn Du heimkommst, ziehst Du Dich immer sofort zurück“ (A). „Ich habe den Eindruck, Du freust Dich nicht, mich zu  sehen“ (B). „Das macht mich traurig“ (C). 

Als D könnte nun noch der Wunsch folgen: „Ich würde mich freuen, wenn Du mich nach dem Heimkommen kurz umarmen würdest und Dich erkundigst, wie mein Tag war.“ Menschen erfüllen lieber eine Bitte als eine anklagende Forderung.

6. Bei einem Thema bleiben

Wenn Sie alte Konflikte im Streit wieder hervorholen, trägt das nicht zur Lösung des aktuellen Themas bei. Es ist auch nicht hilfreich, weitere kritische Punkte gleichzeitig mit einzubeziehen. Als könnte man in einem Master-Duell gleich alles auf den Tisch legen und aus der Welt schaffen. Je komplexer es wird, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Streit emotional eskaliert. Sie sind nicht mehr in der Lage inhaltlich zu diskutieren, sondern geraten in den destruktiven Sog, den anderen nieder zu machen und verletzen zu wollen.

7. Lieber mal tauschen

Wer sagt, dass man immer einen Kompromiss finden muss? Beide rücken zähneknirschend von ihrer Vorstellung ab und keiner ist damit so richtig glücklich. Dass einer komplett nachgibt, wäre eine edle Geste, übergeht aber seine Bedürfnisse. Wie wäre, wenn jeder sein

Recht bekommt und Sie einen Tauschhandel eingehen: Einmal bestimmen Sie das

Reiseziel, beim nächsten Urlaub der andere. Sie haben die Regie über die Kinder am Morgen. Ihr Partner betreut den Nachwuchs am Abend, ohne dass Sie sich einmischen. Der eine darf am Samstag ausschlafen, dafür darf der andere immer mittwochs in die Kneipe. Man kann so ziemlich alles tauschen und aufteilen. Seien Sie kreativ und probieren es aus.

8. Eskalation stoppen

Siehe Übung „Streit-Stopp“

Den Streit-Stopp üben – wie das geht, lesen Sie hier.

Schritt 1 – Erkennen

Wenn ein Streit emotional eskaliert, feuert nur noch das limbische System Ihres Gehirns. Der

Teil, der für das Denken zuständig ist, ist offline. In diesem Zustand erzielen Sie kein Ergebnis, außer dass zwei Verwundete zurückbleiben und das womöglich Gesagte noch mehr Schaden anrichtet.

Schritt 2 – Streit-Stopper vereinbaren

Überlegen Sie, welches Signal, Symbol, Wort, Verhalten Sie von dem tatsächlich extrem unwiderstehlichen Impuls ablenken kann, dem Streiten nachzugeben. Es braucht eine Art Super Magic Power, um wie ein Blitz in Ihrem denkendem Gehirn hell aufzuleuchten: Nein, wir streiten nicht! Manche Paare vereinbaren ein Handsignal, andere ein Codewort, evtl. auch einen Begriff, der sehr positiv besetzt ist wie der Ort des ersten Dates etc. Es sollte etwas sein, das immer und leicht verfügbar ist.

Wenn Sie in dieser Situation sehr erregt sind, dann sollten Sie auch eine kleine körperliche

Übung einbauen, die Sie reguliert. Zum Beispiel dreimal tief ein und aus zu atmen, den Raum verlassen, sich bewegen (im Flur auf- und ab gehen), sich selbst in die Hand kneifen, einen Noppen-Stress-Ball kneten, sich Schultern, Arme, Beine abklopfen, sich selbst die Zunge im Spiegel rausstrecken, die Nähe eines Haustieres aufsuchen (auch das ist wissenschaftlich bewiesen ausgleichend) – egal was, überlegen Sie, was Ihnen körperlich hilft, Sie zu beruhigen.

Schritt 4 – Themenklärung vereinbaren

Nach circa 15 Minuten flacht Erregung im menschlichen Körper ab. Wenn Sie sich dann dazu in der Lage fühlen, gehen Sie auf den Partner zu und vereinbaren Sie, wann und wo Sie ruhig über das Thema sprechen wollen. Wenn es Ihnen möglich ist, wäre eine verbindende Geste schön: ein Kuss, eine Umarmung, Streicheln, ein aufmunterndes Lächeln…

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